04.02.1969 Aktenverbrennung

„Nach einem Teach – in, zu dem gestern Nachmittag in der Mensa der Universität rund 1200 Studenten zusammengekommen waren, ist am Abend das Zimmer des Justitiars der Hochschule im Erdgeschoß des Hauptgebäudes aufgebrochen und verwüstet worden. Es wurden Akten aus den Schränken gerissen und auf dem Gang verstreut, zum Teil aber auch vor dem Hauptportal in Brand gesteckt. Der Eingang zum Rektorat wurde mit Inschriften beschmiert, die mit Hilfe von Sprühdosen mit roter Farbe angebracht wurden. Die radikalen Studenten verließen das Universitätsgebäude bald darauf, um sich nicht von der Polizei überraschen zu lassen. – Einige Studentengruppen fuhren gegen 20.30 Uhr in Richtung Innenstadt. Hier hatte die Polizei einige Gebäude, darunter das amerikanische und das spanische Generalkonsulat mit Wasserwerfern abgesichert. Bis Redaktionsschluß war es zu keinen Zusammenstößen gekommen. Gegen 22 Uhr forderte die Universität bei der Polizei Objektschutz für die Nacht an. – Von Seiten der Universität, bei der bis zum späten Abend kein offizieller Sprecher zu erreichen war, wurde erklärt. die Polizei sei gegen 20.30 Uhr von den Vorfällen benachrichtigt worden. Einige Dekane hielten sich im Hauptgebäude auf. Der Rektor befand sich auf der Rückfahrt von Paris nach Frankfurt. Dem Vernehmen nach war etwa eine Hundertschaft der Polizei in Richtung Universität in Marsch gesetzt worden. Sie ist aber offenbar zurückgezogen worden, als bekannt wurde, daß die Sturmtrupps die Hochschule wieder verlassen hatten. – Kurz vor dem Eindringen in die Räume des Justitiars herrschte unter den Studenten und ihrem Gefolge eine regelrechte ‘Polizeispitzel – Hysterie’. Beinahe jeder, der nicht wie ein Student aussah, wurde aufgefordert, einen Ausweis vorzuzeigen. – Der Fotoreporter Lothar Wenzel wurde von einer Gruppe junger Leute aufgefordert, den Film aus seiner Kamera herauszugeben. Es ist nicht bekannt, ob er sich ‘weigerte’, er wurde aber in ein Handgemenge verwickelt und dabei verletzt. Sein Film wurde mit Gewalt aus der Kamera entfernt. – ‘Hessens Bullen sollen nicht zur Ruhe kommen’, war eines der Leitthemen des vorausgegangenen Teach – in, bei dem zum Schluß dazu aufgerufen wurde, bei dem heutigen gerichtlichen Schnellverfahren gegen das seit Freitag in Haft befindliche SDS – Mitglied Krahl in Massen vor das Gericht zu ziehen. Dabei wurde auch darüber abgestimmt, ob bei der Demonstration vor dem Gerichtsgebäude Gewaltmaßnahmen ergriffen werden sollen. die Gegner solcher Aktionen blieben in der Minderheit. Heute sollen in Frankfurt und am Donnerstag ‘in ganz Hessen’ Aktionen organisiert werden, damit, wie Sprecher radikaler Gruppen sagten, die Polizei daran gehindert werde, ihre Kräfte an einem Ort zusammenzuziehen. – Während des Teach – in hatte es Auseinandersetzungen über die jüngsten Gewaltaktionen Linksradikaler im Stadtgebiet gegeben. Günther Amendt einer der Spitzenfunktionäre des Frankfurter SDS, räumte freimütig ein, daß am vergangenen Donnerstag während des Karajan – Konzerts sowohl Angriffe auf das spanische und amerikanische Generalkonsulat als auch beabsichtigte Attacken mit Steinen gegen die Deutsche Bank und die Börse unternommen worden seien. – Ihm wurde von Studenten und einigen den Kommunisten nahestehenden Arbeitern mehrfach vorgeworfen, derartige Aktionen würden von der Bevölkerung nicht verstanden. Sie verfehlten nicht nur ihren Zweck, sondern brächten neue Aversionen gegen die Studentenschaft hervor. Daniel Cohn – Bendit sprach von einer Zwangssituation, in der man sich zur Zeit befinde, und vertrat die Auffassung, daß im Augenblick ‘Minderheiten – Aktionen’ dazu dienen müßten, ‘die alte Tradition des Widerstandes der Arbeiterklasse wiederaufleben zu lassen. Ob wir dabei verstanden werden oder nicht, müssen wir vorerst dahingestellt sein lassen.’ – Der SDS – Funktionär Udo Riechmann forderte, die Aktionen wieder, wie im letzten Sommer, aus der Hochschule hinauszutragen und mit Jungarbeitern und Berufsschülern zusammenzuwirken. – Mehrfach wurden energische Gegenstimmen laut. Sprecher des Aktionskomitees Demokratischer Studenten sagten, falls die Selbstbestimmung der Studenten durch die Aktionen des SDS eingeschränkt werde, sähe sich ein großer Teil der Studentenschaft gezwungen, dagegen ‘Notwehr zu praktizieren’. Es könne auch nicht weiter hingenommen werden, daß die Radikalen das Demonstrationsrecht durch ‘Kriminalisierung der Straße’ ständig weiter aushöhlten. – Mehreren Berichten von Studenten der Soziologie, die in der letzten Woche bei der Besetzung des Instituts für Sozialforschung für einige Stunden festgenommen worden waren, folge die Vorführung von Fotos auf einer Leinwand bei abgedunkeltem Raum. Gezeigt wurden Polizeibeamte und angebliche Polizeispitzel, wozu Riechmann sagte, es müsse sichergestellt werden, daß Spitzel keine Chance innerhalb der Hochschule hätten. ‘Spitzel der Polizei’ sollen, wie Cohn – Bendit behauptete, am letzten Samstag eine Gruppe jugendlicher Demonstranten dazu überredet haben, das Café Kranzler an der Hauptwache zu stürmen und die Kapelle zu zwingen, die ‘Internationale’ zu spielen.“

 „Der AStA erklärt zu den Vorfällen am 4.2.1969 im Zimmer des Justitiars der Universität:
Die Vernichtung der Akten des Ju­stitiars hält der AStA für eine verständliche Widerstandsaktion empörter Studenten. Der Justitiar Riehn hat im Auftrag von Rektor Rüegg mehrere Straf – und Disziplinarverfahren gegen Studenten eingeleitet, die in legitimer Weise Diskussionen über Form und Inhalt forderten und erzwangen. Er hat damit zur Kriminalisierung der legitimen Verfolgung studentischer Interes­sen entscheidend beigetragen. – Eine formale rechtliche Be­trachtung übersieht, daß den betroffenen Studenten eine soge­nannte offizielle Möglichkeit der Einflußnahme auf die Repres­sionen des Ju­stitiars auf Grund der umfassenden Machtkompetenz der Universitätsadmini­stration nicht gegeben ist. Somit muß diese exemplarische Aktion als der Versuch gesehen werden, die ungleiche Machtstellung zwischen Administra­tion und betroffenen Studenten auszugleichen. – Der AStA kann aber die Aktion auf Grund seiner rechtlichen Stellung nicht unterstützen.“

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„[…] Mittels eines Flugblattes, das in den letzten Tagen zur Verteilung gelangte, rief die Basis­gruppe AfE zur o. a. ‘Teach – in’ auf. In dem Flugblatt wird u. a. auf den an­geblichen ‘Polizeiterror’ hingewiesen. Das Flugblatt schließt mit folgendem Wortlaut: – ‘Wenn bis Dienstag Krahl nicht frei ist, werden wir wann, wo und wie wir wollen zuschlagen! Diese Stadt wird mit­samt allen hessischen Bullen nicht zur Ruhe kommen. Schmeißt die Bullen aus der Uni. Freiheit für Krahl.’ – Das ‘Teach – in’ begann um 17.00 Uhr und dauerte bis 19.30 Uhr. Teilnehmerzahl ca. 1.200 Personen. Als Hauptredner trat ‘ Cohn – Bendit‘ hervor. Er übte Kritik am bestehenden Staatssystem, das er als faschi­stoid bezeichnete. In seinen weiteren Ausführungen ging er auf den am 5.2.69 stattfindenden Prozeß gegen ‘Krahl’ ein und brachte ihn in Verbindung mit der beabsichtigten Vorbeugehaft. Er übte Kritik an den beabsichtigten Schnellverfahren und be­zeichnete den in diesem Verfahren die Anklage ver­tretenden Staatsanwalt Uchmann als ‘Schwein’. Er forderte die Anwesenden auf, am 5.2.1969 sich um 11.00 Uhr vor der Universität zu ver­sammeln, um von dort geschlossen zum Gerichtsgebäude zu gehen. Der Verteidiger von ‘Krahl’ beabsichtigt, die mit ‘Krahl’ gemein­sam festgenommenen Personen als Zeugen zu laden. – Verschie­dene Redner kritisierten die Ausführungen von Cohn – Bendit und beanstandeten die Aktionen des ‘SDS’. Von einem Redner – Bauer – wurde verurteilt, daß am 30.1.1969 Polizeibeamte bei ihrer Dienstausübung tätlich angegriffen wurden. – Den Anwesenden wurden Bil­der hiesiger Beamten zur Identifizierung vorgelegt. – Um 19.30 Uhr – nach Beendigung des ‘Teach – in’ zogen ca. 300 Studenten in die Universität. Sie verweilten vor dem Rek­torat, wo sie mit Farbe Glastüren, Wände und Boden beschmier­ten. – Folgende Parolen waren angebracht: – ‘Freiheit für H. J. Krahl’, ‘Fachidiotie und Polizei ist Ordinarien – Universität’, ‘Politische Presse, das Resultat der Ordinarienherrschaft’, ‘Bullen raus, die Universität den Stu­denten’, ‘Brundert, Panitz, Springer, Noll, Fresse voll, voll, voll’, ‘Genossen seid realistisch, fordert das Unmögliche’, ‘Vögelt Habermas massenhaft’. – Auf der auf­gebrochenen Tür zum Zimmer 40 war ein Hakenkreuz aufgemalt. In die­sem Raum waren die Schränke aufgebrochen, Vorhänge heruntergerissen und die Akten am Boden verstreut. Ein Teil der Akten war angebrannt und lag im Westeingang der Universität. Zu Zwischenfällen und Festnahmen ist es nicht gekommen. Die Parolen wurden mit roter Farbe aus Sprühdosen angebracht.“

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