Reinhard Mohr, geboren 1955 in Frankfurt am Main, Journalist, Autor und Publizist. Nach dem Studium der Soziologie arbeitet er für das Frankfurter Stadtmagazin „Pflasterstrand“, später die „Tageszeitung“ (TAZ), die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und den „Stern“ . Von 1996 bis 2004 ist er Kulturredakteur beim „Spiegel“. Heute lebt er in Berlin und schreibt als freier Autor als Hans Dampf in allen Gassen unter anderem für die „Welt am Sonntag“ und den „Cicero“.
Der Artikel von Mohr in der TAZ vom 2. September 1989: „Die Rückkehr des Abteilungsleiters“
Anzumerken ist: Riehn hat keineswegs über hundert Strafanzeigen gegen den AStA wegen Wahrnehmung des politischen Mandats‘ oder wegen Veruntreuung studentischer Gelder erhoben. Genauso wenig hat er 50 Strafanträge gegen Studentenvertreter wegen Hausfriedensbruchs, Körperverletzung, Beleidigung, Nötigung, Freiheitsberaubung und Aufforderung zu strafbaren Handlungen gestellt. Schließlich ist Riehn niemals als Zeuge in Strafverfahren gegen Studenten aufgetreten. – Offensichtlich irritiert es Mohr als Altlinken ein wenig die eigene Deutungshoheit zu verlieren, statt die authentischen Informationen zu begrüßen und sie konkret zu würdigen
„Zwar ist er 1968 erst 13 Jahre alt und gehört damit nicht zu den Aktivisten der Frankfurter Studentenbewegung. Jedoch beschäftigt er sich in der Folgezeit immer wieder mit ihr. Deswegen wird ihm hier eine eigene Seite gewidmet. Zum Beispiel befasst er sich in der folgenden Kolumne ironisierend mit der Tatsache, daß der Verantwortliche dieses Internetauftritts, Hartmut Riehn, als ehemaliger Justitiar der Universität Frankfurt nunmehr die Geschichte der Bewegung aufarbeitet.
“ ‚Die Gesellschaft, in der wir leben, macht keine Geschichte mehr‘, meint der französische Philosoph Jean Baudrillard. Die Menschen trauerten den ‚energiegeladenen Momenten einer verlorengegangenen Intensität nach‘. Das zeitgenössische Individuum habe, anders als das heroische Subjekt vergangener Tage, keinen projektiven Geschichtsentwurf, keine Zukunftsvorstellung mehr. Es zehrt, so Baudrillard, von seiner Vergangenheit, unterliegt dem Zwang, sich ständig zu erinnern. Der leidenschaftliche Drang zur Rückbesinnung macht auch vor der jüngsten Vergangenheit nicht Halt. Sie kennt weder Grenzen nach Tabus, und sie ist absolut egalitär: Jeder kann an ihr teilhaben. So auch Hartmut Riehn, Vorsitzender Richter am Verwaltungsgericht Gießen. Im ‚Uni-Report‘, dem offiziellen Organ der Frankfurter Universität, berichtete er im Juli 1989 ausführlich über den Aufbau eines EDV-gestützten Archivs zur Protestbewegung Johann Wolfgang Goethe-Universität‘. Da eine detaillierte, umfassende Darstellung der damaligen Ereignisse‘ bislang fehle, arbeite er seit Herbst 1988 daran, diesen Zustand lückenhafter Dokumentation‘ zu beheben. Der Universitätspräsident habe ihm dankenswerterweise Zugang zu den Rektorats und Kuratorialakten gewährt. Daher könne er nun auf über 400 erfaßte und ausgewertete Dokumente zurückgreifen: Flugblätter, Resolutionen, Presseerklärungen, Aufrufe, Diszipliniarunterlagen, rechtsaufsichtliche Verfügungen, Berichte über Teach-ins, Urteile, Erlasse und vieles andere mehr. Mit Hilfe eines Textverarbeitungssystems konnte, so berichtet der Verwaltungsrichter, unter Beachtung eines ausgewogenen Ordnungssystems‘ ein Namens – und Sachindex entwickelt werden, der zur Erlangung möglichst authentischer Schlüsse‘ hilfreich sei. Die wiederum müßten selbstverständlich wissenschaftlichen Ansprüchen standhalten‘. Aus den festgestellten Flugblattaktivitäten‘ etwa könnten weitreichende inhaltliche und qualitative Folgerungen gezogen‘ werden. Um die Quelle soziologischer, historischer, politologischer und linguistischer (!) Forschung in Zukunft noch ergiebiger zu gestalten, werden am Schluß alle, die über entsprechendes Material aus jener Zeit‘ verfügen, gebeten, sich bei der Pressestelle der Universität zu melden.
Nur wenige ‚Uni-Report‘-Leser dürften wissen, daß der Hobby-Archivar aus Gießen selbst ein Teil der Geschichte ist, die nun mit geeigneter Software zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen Anlaß geben soll. Von 1970 bis 1980 war Riehn Leiter der Rechtsabteilung der Johann Wolfgang Goethe Universität und verfolgte die damaligen Ereignisse ‚mit der gleichen Akribie. Im unruhigsten Jahrzehnt der im Jahre 1914 gegründeten Königlichen Universität‘ oblag ihm die Aufgabe, für die Wahrung des Rechts auf dem Campus zu sorgen. Einen Großteil seiner Arbeit widmete er jener Protestbewegung‘, die zu Beginn der siebziger Jahre teils abebbte, teils neue Wege suchte. Seiner Tätigkeit in jener Zeit entsprangen weit über hundert Strafanzeigen gegen die Verfaßte Studentenschaft (Allgemeiner Studentenausschuß/AStA) wegen Wahrnehmung des politischen Mandats‘ beziehungsweise Veruntreuung studentischer Gelder und etwa 50 Strafanträge gegen Studentenvertreter wegen Hausfriedensbruchs, Körperverletzung, Beleidigung, Nötigung, Freiheitsberaubung und Aufforderung zu strafbaren Handlungen. Mehrfach trat Riehn als Zeuge in Strafverfahren gegen Studenten auf. Weil nach damaliger Rechtsauffassung Verlautbarungen der gewählten Studentenvertreter zu Südafrika, Atomkraftwerken, dem Paragraphen 218 und zum Iran nicht zu den Aufgaben der Studentenschaft zur Förderung der politischen Bildung und des staatsbürgerlichen Verantwortungsbewußtseins‘ gehörten, wurde fast jede AStA – Publikation zum Corpus delicti. Flugblätter zur Fußballweltmeisterschaft in Argentinien 1978 -. Fußball ja, Folter nein‘ – landeten ebenso auf dem Tisch der Frankfurter Staatsanwaltschaft wie ein Leserbrief der AStA in der ‚Frankfurter Rundschau‘ vom 8. September 1976 zur , Disziplinierung von Verteidigern‘ oder ein Uni- Frauen – Info Verhütung, Sexualität, Schwangerschaft‘. Neben Zwangsgeldern gegen die Studentenschaft hagelte es Strafanzeigen gegen die verantwortlichen AStA-Mitglieder.
Daß der Justitiar der Frankfurter Universität, der damals nicht selten an der Spitze einer Polizeihundertschaft nach dem Rechten sah, heute nach Material der studentischen Protestbewegung‘ sucht, drückt mehr aus als die allgemeine Tendenz zur Mumifizierung der Geschichte. Es ist eine flagrante zeithistorische Enteignung, in der – frei nach Freud – der Täter sich mit dem Opfer zu identifizieren trachtet. Geheimste Sehnsucht nach erlebter Wirklichkeit, so scheint es, treibt den Täter zurück an den Tatort. Der aber ist – aller Hard – und Software zum Trotz – für immer verloren. Reinhard Mohr.“
Reinhard Mohr ist mit der Frankfurter Studentenbewegung und ihren Nachwehen eng verbunden – allerdings weniger als aktiver „68er“, sondern vielmehr als prägender Begleiter der Nachfolgegeneration und späterer kritischer Chronist. Da er 1955 geboren wurde,
war er für die Kernzeit der Studentenrevolte von 1968 noch zu jung.
Seine Berührungspunkte mit der Bewegung und deren Ideen lassen sich in zwei zentralen Phasen zusammenfassen:
Die Frankfurter Sponti-Szene der 70er
Als Mohr in den 1970er Jahren Soziologie in Frankfurt am Main studierte, prägte ihn die direkte Nachfolgegruppierung der 68er: die sogenannte Sponti-Szene.
- Aktivismus an der Uni: Er engagierte sich im Frankfurter AStA (Allgemeiner Studentenausschuss).
- Journalistische Anfänge: Er wurde Autor für das linksalternative Stadtmagazin Pflasterstrand, das von Daniel Cohn-Bendit gegründet wurde und als zentrales Sprachrohr der damaligen Frankfurter Sub- und Protestkultur galt.
Der Chronist der „Zaungäste“
Mohr hat sich in seiner journalistischen und literarischen Karriere intensiv mit dem Erbe der 68er-Bewegung auseinandergesetzt. Er prägte dabei maßgeblich den Blick auf seine eigene Generation – die „78er“ oder auch die kleinen Brüder und Schwestern der 68er.
Er näherte sich dem Thema in mehreren vielbeachteten Publikationen:
- Mit Daniel Cohn-Bendit: 1988 veröffentlichte er gemeinsam mit dem 68er-Wortführer das Buch „1968. Die letzte Revolution, die noch nichts vom Ozonloch wußte“.
- Die Definition seiner Generation: In seinem Buch „Zaungäste. Die Generation, die nach der Revolte kam“ (1992) analysiert er das Gefühl der Jüngeren, die große Rebellion knapp verpasst zu haben und sich in der ausklingenden linken Utopie neu orientieren zu müssen.
- Kritische Reflexion: In Werken wie „Der diskrete Charme der Rebellion. Ein Leben mit den 68ern“ (2008) oder „Bin ich jetzt reaktionär? Bekenntnisse eines Altlinken“ (2013) blickt Mohr zunehmend kritisch auf die Dogmen, die Lebenslügen und den späteren Marsch der 68er durch die Institutionen.
Zusammenfassend war Reinhard Mohr also zunächst ein aktiver Teil der linksalternativen Frankfurter Nachfolge-Bewegung und entwickelte sich über die Jahrzehnte zu einem der profiliertesten – und streitbarsten – Analytiker der 68er-Generation.
Reinhard Mohrs Publikationen spiegeln seine Entwicklung vom linksalternativen Sponti-Aktivisten der 70er Jahre hin zu einem konservativ-liberalen, oft streitbaren Medienkritiker und Essayisten wider. Seine jüngsten Arbeiten drehen sich vor allem um die Abrechnung mit der politischen Linken, Kulturkämpfe, Identitätspolitik und die Krise der bürgerlichen Mitte.
Seine Präsenz in den von Ihnen genannten Medien sowie seine jüngsten Buchveröffentlichungen teilen sich wie folgt auf:
Aktuelle Buchpublikationen
- „Wenn das Denken die Richtung ändert. Warum wir nicht mehr links sind“ (2026): Ein brandaktueller Sammelband, den Mohr gemeinsam mit Ulli Kulke herausgegeben hat. Das Buch versammelt Essays von Autoren, die ihre eigene linke Vergangenheit reflektieren und erklären, warum sie sich von heutigen linken Dogmen abgewendet haben.
- „Good morning Germanistan – Wird jetzt alles besser?“ (2025): Dieses Buch hat Mohr gemeinsam mit dem bekannten Publizisten Henryk M. Broder verfasst. Es schließt an das Vorgängerwerk „Durchs irre Germanistan“ (2023) an und setzt sich in gewohnt satirisch-polemischer Form mit dem Zustand der deutschen Politik auseinander.
- „Deutschland zwischen Größenwahn und Selbstverleugnung. Warum es keine Mitte mehr gibt“ (2021): Eine fundierte Gesellschaftskritik, in der er beschreibt, wie sich die politische und gesellschaftliche Mitte in Deutschland auflöst und das Land in ideologische Extreme abdriftet.
Die Rolle der einzelnen Medien
Die von Ihnen genannten Plattformen spielen eine sehr unterschiedliche Rolle in Mohrs aktuellem Schaffen:
1. Cicero (Magazin für politische Kultur)
Für den Cicero schreibt Reinhard Mohr seit 2013 regelmäßig und gehört zu den prägenden Autoren des Blattes. Seine dortigen Essays und Kulturkommentare sind Kernbestandteil seiner aktuellen Arbeit.
- Themen: Hier seziert er leidenschaftlich Debatten um Sprachpolizei, Woke-Kultur und den vermeintlichen Autoritarismus der modernen Linken (etwa im Cicero Podcast Politik: „Wir erleben eine Renaissance autoritärer Ideen in der Linken“). Auch pointierte Gesellschaftsbeobachtungen wie sein viel diskutierter Text „Critical Mohrness“ (eine humorvoll-kritische Auseinandersetzung mit der Rassismusdebatte um Straßennamen und seinen eigenen Nachnamen) erschienen hier.
2. DIE WELT / Welt am Sonntag
Die Welt-Gruppe ist neben der NZZ Mohrs Hauptplattform als freier Journalist. Seine Artikel und Gastbeiträge in der Welt schlagen in eine ähnliche Kerbe wie seine Cicero-Texte: scharf formulierte, bürgerlich-konservative Kommentare zur aktuellen Innenpolitik, Medienlandschaft und Vergangenheitsbewältigung der Alt-68er.
3. TAZ (Die Tageszeitung)
Die Rolle der taz ist historisch zu sehen: In den 1980er und frühen 1990er Jahren war Mohr dort als Redakteur und Inlandschef tätig und prägte das linksalternative Blatt maßgeblich mit. Heute schreibt er nicht mehr für die taz. Inzwischen ist die taz für ihn eher ein Beobachtungsobjekt geworden – in seinen aktuellen Publikationen arbeitet er sich oft kritisch an dem Milieu ab, das dieses Medium repräsentiert.
Zusammenfassend: Wenn Sie Mohrs aktuelle, wichtigste Standpunkte nachlesen wollen, sind seine Essays im Cicero, seine pointierten Texte in der Welt sowie sein aktuelles Buch „Wenn das Denken die Richtung ändert“ die besten Anlaufstellen.
Hier ein kleiner Videobeitrag von Mohr: „Wir fahren an die Wand!“ vom 20. Mai 2026