Drittelparität

Als AStA-Vorsitzender fordert Birkholz am 24. November 1967 für sämtliche Gremien der Universität
die Einführung der Drittelparität

Als Vertreter der Studentenschaft gelingt es Birkholz am 24. November 1967 auf einer studentischen informellen Vollversammlung eine Resolution verabschieden zu lassen, in der vor allem die Einführung der sogenannten Drittelparität für sämtliche Universitätsgremien gefordert wird. Siehe hierzu das Flugblatt des AStA vom selben Tag. Das heißt: Hiernach würden die Gruppen der Hochschullehrer, der Assistenten und der Studenten je 33% ihrer Vertreter in den Gremien wählen, die dann gleichberechtigt die einschlägigen Beschlüsse fassen.

Die Gegenposition vertreten die Rektoren sämtlicher Universitäten in ihrer Godesberger Erklärung vom 6. Januar 1968

Zwar fallen nach Auffassung der Rektoren die Angelegenheiten der Universität als einer Körperschaft von Lehrenden und Lernenden grundsätzlich in die Entscheidungs- und/ oder Beratungskompetenz aller ihrer Angehörigen, die demgemäß – unmittelbar oder mittelbar repräsentiert – an den satzungsgemäßen Organen zu beteiligen sind.

Jedoch gilt dies nicht ausnahmslos und uneingeschränkt.

Auch wenn der Sachverstand einer Personengruppe deren Mitwirkung an Entscheidungen nicht begründet, ist das Entscheidungsverfahren so zu gestalten, dass die Nachprüfbarkeit der Entscheidungskriterien gewährleistet ist. Das kann geschehen durch Anwesenheit oder Mitwirkung bei den Beratungen, Bekanntgabe der Entscheidungsgründe u. ä. m. Damit wird auch das Prinzip der Offenheit aller Akte der Selbstverwaltung verwirklicht.

Unter Beachtung dieser Grundsätze können in einem Ausschließlichkeitskatalog diejenigen Angelegenheiten festgelegt werden, deren Entscheidung bestimmten Personengruppen vorbehalten ist.

Vor Majorisierung in ihren Angelegenheiten sollen Personengruppen nicht durch quantitativen Proporz, sondern durch qualitative Regelungen geschützt werden (z. B. Einspruchsrechte, Schlichtungskommissionen, qualifizierte Abstimmungsmodalitäten oder Appellationsgremien).

Damit steht fest: Die Rektoren positionieren sich hier gegen die geforderte Drittelparität der Lehrenden, der Studenten und des Nichtwissenschaftlichen Personals in den Universitätsgremien

680106-Godesberger-Rektoren-Erklaerung

Professor Hövels wendet sich gegen die Forderungen des Bezirksparteitags der SPD Hessen-Süd

Anfang Januar 1968 meldet sich der Bezirksparteitag der SPD Hessen-Süd zur Wort. Er unterstützt die Forderung der Studentenschaft zur Einführung der Drittelparität. In einem offenen Brief an den Vorstand der SPD Hessen-Süd wehrt sich Hövels, der SPD-Mitglied ist, vehement gegen diese Initiative.

Die Empfehlung der Delegierten-Konferenz stehe Im Gegensatz zum Hessischen Hochschulgesetz. „Das heißt zu einem Gesetz, dem sicherlich auch die Landtagsabgeordneten des Bezirks Hessen-Süd zugestimmt haben und das von einer sozialdemokratischen Regierung vorgelegt wurde. Dieses Gesetz stammt nicht aus irgendeinem Jahre Anno Tobak, sondern wurde 1965 beschlossen. Wenn man überhaupt eine Parität der einzelnen sogenannten „Gruppen“ an der Hochschule in Erwägung zieht, müssen alle im Gesetz aufgeführten Gruppen gleich berücksichtigt werden. Das heißt, eine paritätische Zusammensetzung akademischer Beschlußorgane würde folgendermaßen aussehen: 25% Ordinarien, 25% Nichtordinarien, 25% Assistenten, 25% Studenten. Ein wesentlicher Punkt sollte aber hervorgehoben werden: Wenn die ‚Drittelparität‘ der Mitsprache in Kliniken und Instituten eingeführt werden sollte, müßten die Fakultäten alle entscheidenden Maßnahmen zur Wahrnehmung ihrer im Hessischen Hochschulgesetz § 5 Absatz 1 verankerten Verantwortung für Lehre und Forschung durch ein Gremium beschließen lassen, das zu einem Drittel aus Assistenten und zu einem weiteren Drittel aus Studenten, d. h., das zu zweidrittel nicht aus Hochschullehrern besteht! Dabei haben weder die wissenschaftlichen Mitarbeiter (§ 25 des Hessischen Hochschulgesetzes) noch die Studenten (§ 32 und § 34 des Hessischen Hochschulgesetzes) eine Verantwortung für Lehre und Forschung! Wie gedenkt die Delegierten-Konferenz diesen Widerspruch zum geltenden, von einer SPD-Regierung vor wenigen Jahren entworfenen und mit einer SPD-Mehrheit im Landtag beschlossenen Landesrecht zu beseitigen? Will sie Assistenten und Studenten zu je einem Drittel die Verantwortung für Forschung und Lehre übertragen? Dann ist die logische Konsequenz die Empfehlung einer Novellierung der entsprechenden Paragraphen des Hochschulgesetzes. Oder will sie die Verantwortung im Wesentlichen bei den Hochschullehrern belassen? Dann braucht das Hochschulgesetz nicht novelliert zu werden. Nur müssen die Organe der Hochschulverwaltung dann so konstituiert sein, daß die Hochschullehrer entsprechend ihrer Verantwortung in ihnen vertreten sind. Mir scheint unter diesem Gesichtspunkt das Angebot des Konzils der Frankfurter Universität für das Satzunggebende Konzil von 40% Ordinarien 20% Nichtordinarien 20% Assistenten 20% Studenten der Mitbestimmung von Assistenten und Studenten ein ausreichendes Ausmaß einzuräumen. Es sollte doch erst einmal in der Praxis erwiesen werden, ob sie überhaupt sinnvoll ausgenutzt werden kann. Die Forderung der Studenten auf Mitbestimmung in Instituten und Kliniken steht im klaren Gegensatz zu § 40 Absatz 3 des Hochschulgesetzes. In diesem Passus, in dem ausdrücklich das Anhörungsrecht der Nichtordinarien und der Nichthabilitierten genannt wird, ist von Studenten nicht die Rede.“

Darüber hinaus erscheint es Hövels fragwürdig, ob Körperschaften, die auf der Basis der ‚Drittel-Parität‘ zusammengesetzt sind, überhaupt arbeitsfähig sind.

Dieser Brief wird im Uni-Report vom 8. Februar veröffentlicht:

„Versuch einer Analyse der politischen Situation an den deutschen Hochschulen im Hinblick auf unsere Universität. – Die Studie berücksichtigt nur die Verhältnisse bei den Studenten und im Lehrkörper. Sie klammert andere, wichtige Faktoren, die zur gegenwärtigen Entwicklung beigetragen haben, bewußt aus. Sie will nicht tadeln, sondern versucht bei aller Subjektivität eine nüchterne Darstellung. – Es erscheint zweckmäßig, mit dem scheinbaren Ausgangspunkt der Unruhe an den Hochschulen, den Studenten, ihren Forderungen und den Methoden ihres Protestes, zu beginnen. – Dabei sollte man methodisch zwischen der Masse der Studenten und einer kleinen, wirksam handelnden, politisch denkenden Minderheit unterscheiden. – Beurteilt an ihrer Aktivität im Rahmen der Hochschule, insbesondere an der Beteiligung bei Studenten – , Parlaments – und Fachschaftswahlen ist die Masse der Studenten hochschulpolitisch ebenso wie politisch wenig interessiert. Entsprechend gering ist auch die Bereitschaft, zusätzliche Arbeit im Rahmen der Universität zu übernehmen. – Es wäre jedoch falsch zu unterstellen, daß das Gros der Studenten ohne hochschulpolitische Meinung sei. In der ganzen Bundesrepublik sind sich die Studenten darüber einig, daß sich an den Universitäten im Hinblick auf die Reform des Studiums und die Erleichterung der Arbeitsbedingungen endlich etwas ändern muß. Weitaus die meisten Studenten glauben, in einer ausreichend großen studentischen Vertretung in den akademischen Gremien das Allheilmittel sehen zu können. Dies gilt sicher auch uneingeschränkt für unsere Universität. – Diese Situation ist nicht zufällig entstanden. Sie ist auch nicht das Ergebnis einer geheimen und böswilligen Verschwörung von ‘Radikalinskis’ oder ‘Radaubrüdern ‘. Der Weg, der dazu geführt hat, ist überschaubar. Wenn man ihn nachgeht, fragt man sich, ob nicht die Tatsache, daß er so und nicht anders verlief, die derzeitigen Verhältnisse an den Hochschulen ebenso wie die politische Struktur unserer Gesellschaft ernstlich in Frage stellt. Dies ist jedenfalls die Meinung der politisch aktiven Studenten. Sie sind selbst unter den politisch Organisierten, die etwa 5% der Studenten ausmachen, eine Minderheit. Ehe auf die Forderung dieser Gruppen und ihre Begründungen eingegangen wird, seien die hochschulpolitisch relevanten Gruppen kurz genannt. – Es ist zunächst der Sozialistische deutsche Studentenbund (SDS). Er hat etwa 300 Mitglieder und ist offenbar meist straff organisiert, obwohl dies von Universität zu Universität zu wechseln scheint. Die niedrige Mitgliederzahl erlaubt anscheinend noch eine ausreichende, zum Teil auf einem beachtlichen intellektuellen Niveau stehende Diskussion unter den Mitgliedern. Soweit sich dies überhaupt übersehen läßt, scheint der SDS die finanzielle Unterstützung einzelner Gewerkschaften zu genießen. Er hat auch neben den Mitgliedsbeiträgen Einkünfte aus dem Verkauf von Mao – Büchlein, deren Lizenz der Fremdsprachenverlag in Peking dem SDS überlassen hat. Sosehr sich mit dieser Mitteilung emotionale Reaktionen auslösen lassen, so wenig glaube ich, daß sie für die Beurteilung von Zielen und Methoden des SDS von Belang sind. Diese wurden lange vorher erarbeitet und schriftlich fixiert. – Der SDS versteht sich nach der Trennung von der SPD als einzig intakte sozialistische Organisation in Westdeutschland. Sein – von ihm selbst als utopisch bezeichnetes Ziel – ist die endgültige Einführung des Sozialismus. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn der SDS die Verhältnisse an den deutschen Hochschulen als symptomatisch für den Zustand unserer Gesellschaft ansieht. – Es scheint mir jedoch wichtig, den Ansatzpunkt des SDS klar herauszustellen: Er will primär die sozialistische Gesellschaft. Sein Engagement an den Hochschulen erklärt sich meines Erachtens folgendermaßen: – 1. Die Struktur der deutschen Hochschule ist für die exemplarische Demonstration einer autoritären Gesellschaftsstruktur hervorragend geeignet. – 2. Die Verhältnisse an den deutschen Hochschulen sind so, daß die Möglichkeit, Massen in Bewegung setzen zu können, groß ist. – 3. Dazu ist die deutsche Professorenschaft ein ebenso unfreiwilliger Helfer wie auch sonst ein idealer Gegner. Dank ihrer apolitischen Haltung und einer Selbsteinschätzung, der die Fähigkeiten in der Regel nicht entsprechen, sind Professoren hervorragend geeignet, um sich auf dem falschen Kampfplatz zum Kampf gegen den falschen Gegner verlocken zu lassen. Andererseits ist die Bereitschaft, auf Kritik an der eigenen Person emotional zu reagieren und gegebenenfalls ‘dienstlich’ zu werden, auch unter deutschen Professoren nicht gering. Die daraus resultierenden Verwaltungsakte sichern dem SDS Publizität und Solidaritätsbezeugungen großer Studentenmassen. In der Spekulation auf die unfreiwillige Mithilfe der Professoren hat sich der SDS bis heute leider nicht getäuscht. – 4. Deswegen kann sich der SDS, selbst wenn er sein Ziel, eine demokratisierte Universität, für utopisch hält, mit Erfolg der Aufgabe widmen, die Widersprüche in der Universität darzustellen, und damit ihre Krise zu beweisen. – 5. Dabei erhofft man ein Übergreifen der Unzufriedenheit auf die Arbeiterschaft, denn – um es noch einmal deutlich zu sagen: Der SDS versteht seine Tätigkeit an der Hochschule nur als Randfunktion des Klassenkampf es. Daher erklärt sich der entscheidende Kampf des SDS gegen die Notstandsgesetze ebenso wie seine ersten Versuche, die Schülerschaft in seine Bemühungen einzubeziehen. – Da sich die Studenten des SDS als Vorkämpfer der Unterdrückten verstehen, sehen sie in den revolutionären Bewegungen der dritten Welt ihren natürlichen Verbündeten. Ihre Sympathien für Rotchina, die beständige Agitation gegen den Vietnam – Krieg und die Anti – Schah – Demonstrationen sind deswegen kein Zufall. Daß dem SDS sein Engagement gegen koloniale Unterdrückung und Notstandsgesetze Sympathisierende bringt, die sich dem politischen Gespräch stellen, ist ein erwünschtes Nebenprodukt dieser Tätigkeit. – Die Taktik des SDS ist ebenso einfach wie wirksam: Es wird zunächst versucht, die unsichtbaren Konflikte mit einer in Frage gestellten Autorität dadurch sichtbar zu machen, daß man ganz bewußt den Konfliktfall provoziert. Reicht dazu die gewährte Diskussion nicht aus, oder wird sie verweigert, versucht man, sie, unter Umständen auch durch Gesetzesübertretungen, zu erzwingen. Im daran sich entzündenden Konflikt ist ein möglichst obrigkeitliches Verhalten der Universitätsbehörden erwünscht. Es erzeugt bei vielen Studenten Sympathien für die ‘Unterdrückten ‘. Diese können daraufhin den Studenten ihre eigene Abhängigkeit von der gleichen autoritären Herrschaftsform zeigen. Sie sollen dadurch zur Diskussion dieses Faktums und seiner Ursachen aufgeschlossen werden. Der Fachausdruck für diesen Prozeß heißt ‘Bewußtseinsbildung’. – Setzt sich die Universitätsbehörde formal ins Unrecht, ist dies ein zusätzliches willkommenes Geschenk. Sie vermehrt damit automatisch den Kreis der ansprechbaren Studenten. Das gleiche gilt, wenn notwendige Abwehrmaßnahmen unverhältnismäßig heftig oder ungeschickt ausfallen. Daß in dieser Beziehung zweifellos tragischste Beispiel ist der Polizeieinsatz in Berlin, der schließlich zum Tode von Benno Ohnesorg führte, und der Folgen für die ganze Bundesrepublik hatte. – Ist der Konflikt bewußt gemacht (transparent geworden), geht es mit größerer Anhängerzahl in die nächste Runde usw. Diese Taktik hat bisher an allen Orten planmäßig funktioniert. Darum wird es solange keine Ruhe geben, bis der SDS sicher sein kann, mit dieser Methode nicht mehr weiterzukommen. – Man tut jedoch dem SDS Unrecht, wenn man nicht erkennt, daß seine Ziele sich aus radikal humanitären Überlegungen leiten lassen. Man wird auch der Gruppe zwei weitere Fakten zugestehen müssen: – Wie andere Institutionen der Studentenschaft hat sie jahrelang das – allerdings radikal fragende – Gespräch mit der Universität gesucht. Dieser radikale Ansatz der Fragestellung war entweder unerwünscht oder wurde in seiner Bedeutung nicht erkannt. Das Ergebnis war stets gleich: Eine ernsthafte geistige Auseinandersetzung hat es bis heute nicht gegeben. – Es war deswegen auch nicht möglich, nennenswerte Reformen an den Universitäten zu erreichen. – Das daraus gezogene Fazit des SDS lautet: Mit Professoren in Herrschaftspositionen der Universität ist nicht zu reden. Mit Professoren ohne Herrschaftspositionen lohnt es sich nicht zu reden, weil es keine Folgen hat. Dies ist ein Glaubenssatz des SDS, der den anderen Studenten wieder und wieder gesagt wird. Auf ihn wird bei jedem Mißerfolg dieser Studenten im Gespräch mit Professoren verwiesen. Auch hier ist der SDS vermutlich angreifbar. – Ein zweites Faktum ist, daß es sich der SDS nicht leicht macht. Seine Konzeption hat er in langer und ernster, geistiger Arbeit entwickelt. Eine Durchsetzung seiner Forderungen würde den Studenten in Bezug auf die fachlichen Anforderungen das Studium nicht leichter, sondern schwerer machen. Auch die an seine Mitglieder gestellten Anforderungen sind nicht gering. Die Folge ist, daß der SDS an fast allen Universitäten der Schrittmacher, wenn nicht der Führer der studentischen Emanzipationsbewegung ist. – Seit 1964 stehen mit dem SDS in verabredeter enger Aktionsgemeinschaft: – Der sozialistische Hochschulbund (SHB). Er unterscheidet sich vom SDS nicht sehr erheblich. Sein Geldgeber ist die SPD. – Die humanistische Studentenunion (HSU). Ihr Geldgeber ist vermutlich die humanistische Union. – Der liberale Studentenbund (LSD). Seine Finanzquelle ist die FDP . – Die deutsch – israelische Studentengruppe (DIS). Ihre Finanzquelle ist mir nicht bekannt. – Je nach Hochschule und nach den gegebenen Situationen kommen zur Unterstützung dieser Gruppen hinzu: Die evangelische Studentengemeinde (ESG). Dies trifft beispielsweise auf Berlin und Tübingen zu. – Der Ring christlich demokratischer Studenten (RCDS), die Hochschulorganisation der CDU – CSU. Die ESG und RCDS erstreben eine Realisierung der studentischen Vorstellungen auf evolutionärem Wege. In Konfliktsituationen mit den Hochschulbehörden standen beide so gut wie immer in einer Linie mit den übrigen politischen Gruppen. – Eine Forderung, die wohl von allen Studenten erhoben wird, ist die Studienreform und eine Verbesserung der zum Teil unerträglichen Arbeitsmöglichkeiten. – Es wäre falsch, hier auf die Empfehlungen des Wissenschaftsrates zu verweisen. Die Vorstellungen der Studenten weichen nämlich in zwei wesentlichen Punkten von denen des Wissenschaftsrat es ab. Sie erstreben – und dies ist bemerkenswert wenig bekannt – , daß auch das sogenannte Grundstudium im Gegensatz zu den Empfehlungen des Wissenschaftsrates ein wissenschaftliches Studium bleibt. Dies ist am klarsten in entsprechenden Stellungnahmen der Vereinigung deutscher Studentenschaften (VDS) ausgedrückt. – Darüber hinaus bezweifeln alle politischen Studentenverbindungen, daß die derzeitige Universitätsstruktur ihrer Qualität nach in der Lage ist, eine solche Reform überhaupt zu leisten. Sie machen dem Wissenschaftsrat nicht unberechtigt den Vorwurf, daß er die Frage der Studenten, soweit sie die Universität betrifft, nur quantitativ in Bezug auf die Zahl der benötigten Lehrkräfte, und qualitativ, d. h. in Bezug auf die Strukturierung des vermehrten Lehrkörpers beantwortet hat. – Erst, nachdem die Universitäten – insgesamt bemerkenswert unreflektierter als die Studentenschaft – sich gemeinsam mit den Kultusministerien an die Verwirklichung der Empfehlungen des Wissenschaftsrates machte, ohne ernsthaft auf die studentischen Vorstellungen einzugehen, wurde allgemein als logische Folge eine Forderung der Studentenschaft nach qualifizierter Mitbestimmung in allen akademischen Gremien laut. Kann doch die Studentenschaft nur noch so hoffen, eine Reform des Studiums an den Wissenschaftlichen Hochschulen zu bekommen. – Darüber hinaus fragt der SDS radikal nach der Gesellschaftsbezogenheit der Wissenschaft. Ihn interessierte zwar was, wem, wann durch wen beigebracht wird. Er erstrebt darüber hinaus, daß sich Lehrer und Studierende darüber klar werden, welche Bedeutung Lehre und Entwicklung in der Wissenschaft für die Gesellschaft haben können. – Ist es wirklich so schwer, im Zeitalter von Atom – und Napalm – Bomben dem Naturwissenschaftler, und nach dem Ciba – Foundation Symposium einer internationalen Elite von Genetikern, dem Mediziner klar zu machen, daß viele Lehrinhalte seines Faches immanent einen Gesellschaftsbezug enthalten? – Wie schon bei manchen anderen studentischen Forderungen hat es häufig zwischen Studenten einerseits, Professoren und Öffentlichkeit andererseits Mißverständnisse gegeben: Es lag nahe, daß philosophisch – dialektisch wenig geschulte und mit der Terminologie der Soziologen nicht vertraute Naturwissenschaftler und Mediziner wähnte, die SDS – Studenten wollten die Lehrgegenstände der naturwissenschaftlichen Fächer durch Gesellschaftswissenschaften ersetzen. Sie lehnen dies verständlicherweise krass ab. Die Studenten fühlten sich nun ihrerseits mißverstanden. Sie nannten Wissenschaftler, die nicht bereit zu sein schienen, mit ihnen diese eminent wichtige Bezüge ihres Faches zu diskutieren, ‘Fachidioten’. Diese Vokabel wurde verständlicherweise unreflektiert aufgenommen und entsprechend emotional verarbeitet. Die Studenten proklamierten, eine Wissenschaft, die Erkenntnisse produziert, ohne zu fragen, was daraus einmal entstehen könne, und die deswegen auch unmenschlichen Vorhaben ihre Hilfe zu leihen in der Lage wäre, zerstören zu wollen. Wir verstanden daraufhin, sie wollten die Wissenschaft zerstören. Und so weiter, und so weiter. – Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß alle Bemühungen um die Verwirklichung der studentischen Forderungen, sei es durch Mißverständnisse, sei es durch Unverständnis, selten durch Böswilligkeit, nur zu minimalen Erfolgen geführt haben. – Wenn wir heute den radikalen, in ultimativer Form vorgetragenen Forderungen der Studenten gegenüber stehen, können wir darüber zwar nicht glücklich sein. Wir müssen aber bedenken, daß sie von Studentenorganisationen vorgetragen werden, die seit Jahren versuchen, mit den Spitzengremien der Hochschulen ins Gespräch zu kommen. Daß sie darüber hinaus ihre Bemühungen im wesentlichen auf Berlin konzentriert haben, mag daran liegen, daß ihnen diese Universität ihrer Geschichte und Struktur nach als besonders geeignet erschien. Daß sie es nicht war und daß West – Berlin sich als ein denkbar ungeeigneter Ort zur öffentlichen Austragung von Konflikten erwies, kann unser aller Schicksal bestimmen. – Die deutschen Universitäten gehen in die notwendige Auseinandersetzung mit nennenswerten Handicaps: – 1. Die Professorenschaft ist auf die Ereignisse weitgehend unvorbereitet und steht ihnen meist ratlos gegenüber. – 2. Von Ausnahmen (Konstanz, Ulm, Bochum) abgesehen, ist die Reformkonzeption der Hochschulen wie des Wissenschaftsrates. Diese wurde jedoch vornehmlich dazu entworfen, um wenigstens die gröbsten Mängel abzustellen. Schon jetzt läßt sich erkennen, daß sie nicht ausreichen wird, um den zu erwartenden Andrang von Studenten aufzunehmen. Man wird zugeben müssen, daß die leeren Hände der Universitäten nicht gerade für die Fähigkeiten der bisherigen Führungsschichten sprechen. – 3. Den Universitäten fehlt ein effektiver Führungsapparat, der den bevorstehenden Auseinandersetzungen gewachsen wäre. Ihnen fehlt bis jetzt auch eine hinreichende Anzahl von qualifizierten und einsatzbereiten Führungskräften. – 4. Im Lehrkörper der Universitäten bestehen erhebliche soziale Spannungen zwischen Ordinarien, Nichtordinarien und Assistenten. Sie sind bisher latent geblieben, können aber in einer möglichen Auseinandersetzung zu einem nicht voraussehbaren Zeitpunkt zusätzlichen Zündstoff liefern. – 5. Das Prinzip der Repräsentation unserer Hochschulen durch die Ordinarien bietet einer rationalen Diskussion erhebliche Angriffspunkte. Dies gilt um so mehr, als das Prinzip der Selbstkontrolle der Ordinarien nicht so funktioniert, daß offenbare Mißstände wirksam abgestellt werden können. – Wie bereits in Berlin bewiesen wurde, ist die Gefahr, daß die Entwicklung aus der Kontrolle der Universität gerät, sehr groß. – Aus all dem ergibt sich, daß mit den Entscheidungen über die Forderungen der Studentenschaft wesentlich mehr auf dem Spiel steht, als der Prozentsatz der Studentenvertreter im satzungsgebenden Konzil. Erkennen wir die Situation nicht lehnen die meines Erachtens berechtigten Forderungen der Studenten starr ab, oder lassen wir uns provozieren, sind nach einem daraus notwendigerweise entstehenden Konflikt mit der Studentenschaft folgende Entwicklungen möglich: – 1. Es kann zu einer obrigkeitlichen Lösung kommen, durch die die Landesregierung die Anteile der einzelnen Gruppen im satzungsgebenden Konzil festsetzt. – 2. Die Ordnung an der Universität kann durch Kampfmaßnahmen der Studentenschaft so aus den Fugen geraten, daß ein Einsatz der Polizei unvermeidbar wird. – Beide Entwicklungen wären verhängnisvoll. Ob sie überhaupt noch zu verhindern sind, hängt meines Erachtens daran, ob wir die Situation erkennen und bereit sind, daraus entscheidende, für viele von uns schmerzliche Konsequenzen zu ziehen. Auch wir sind drauf und dran, einer entschlossenen kleinen Gruppe, die zweifellos mehr als die von allen Studenten geforderte Universitäts – und Studienreform erstrebt, durch die Verweigerung berechtigter Forderungen nach Reformen, die Massen in die Arme zu treiben, die ihre weiterreichenden Aktionen allein wirksam machen können. – Die deutschen Universitäten sind trotz – meiner Meinung nach wegen – ihrer apolitischen Haltung zu einem Politikum ersten Ranges geworden. – Professor Dr. O. Hövels – 6 Frankfurt (Main), den 5. 12. 1967 – f – Universitäts – Kinderklinik.“

Siehe im Übrigen auch zum Reformprozess: Anne Rohstock