Margarete Riehn (Euthanasie)

Für ihre „Euthanasiemordaktion“ nutzten die Nazis auch die Krankenanstalt Obrawalde bei Meseritz – heute Międzyrzecz in Polen – als Tötungsanstalt. Beim Sortieren von alten Dokumenten entdeckte ich zufällig die Sterbeurkunde meiner Tante Margarete Riehn vom 12. Mai 1943, die vom Standesamt Meseritz-Obrawalde ausgestellt ist:

Meine anschließenden Recherchen ergeben: Margarete Riehn, meine Tante, ist ebenfalls Opfer der Euthanasieverbrechen geworden. Im Alter von 41 Jahren hat man sie dort schlicht als lebensuntauglich ausgemerzt. Sie war nämlich bis kurz vor Ihrem Tod wegen einer schweren psychotischen Erkrankung in einer geschlossenen Abteilung untergebracht, bis dann plötzlich und unerwartet die Angehörigen über ihren Tod informiert wurden. Damals war unerklärlich, warum noch nicht einmal die Möglichkeit bestand, sie im familiären Kreis zu beerdigen. Die Todesursache wurde nicht mitgeteilt.

Sie berichtet mir folgendes:

Ich habe im letzten Jahr eine Monografie „Vom Anstaltsboom zum NS-Krankenmord“ veröffentlicht, siehe:

https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/themen-entdecken/psychologie-psychotherapie-beratung/medizin-pflege-neurowissenschaften/medizin-medizingeschichte/59850/vom-anstaltsboom-zum-ns-krankenmord?srsltid=AfmBOoqit6uwv6JgaCnbJ_gcz9I8zMIsvxm4KwBHlM6z9tW22sg11zZS

Hier habe ich schon versucht, die pommersche Psychiatrielandschaft und deren Veränderungen einschließlich der Krankenmorde als Ganzes zu erfassen. Der Schwerpunkt liegt aber auf Ueckermünde, wo Ihre Tante zweieinhalb Jahre untergebracht war, bevor sie nach Obrawalde verlegt worden ist. Momentan läuft ein EU-Projekt mit polnischen Kolleginnen und Kollegen, in dem noch stärker die heute auf polnischem Gebiet liegenden psychiatrischen Anstalten eingebunden werden sollen; hier vor allem Meseritz-Obrawalde.“

Ich fragte nach, wo sie diese Informationen entdeckt hat. Ihre Antwort:

„Anbei sende ich Ihnen den Aktendeckel der Krankenakte. Da die dortigen Eintragungen etwas unübersichtlich wirken, möchte ich Ihnen zur besseren Einordnung einige Erläuterungen geben: Margarete Riehn wurde am 01.03.1924 in die Provinzialheilanstalt Stralsund aufgenommen. Wie aus der Krankenakte (nicht jedoch aus dem Aktendeckel) hervorgeht, war sie zuvor bereits eineinhalb Jahre in Greifswald untergebracht (22.06.1922–01.03.1924). Am 11.12.1939 erfolgte ihre Verlegung nach Lauenburg (Pommern) im Rahmen der sogenannten „Osttransporte“. Diese fanden noch vor der zentralen „Aktion T4“ statt und wurden dezentral durch den Gauleiter Schwede-Coburg organisiert. Zwischen November 1939 und Februar 1940 wurden in diesem Zuge 2300 Menschen aus pommerschen Anstalten im besetzten Polen erschossen oder in Gaswagen ermordet. Ihre Tante war – möglicherweise aufgrund familiärer Kontakte – nicht unter den damals Selektierten. Man muss konstatieren, dass sie diese Phase trotz ihrer Diagnose und der langen Unterbringung in der Psychiatrie überlebte. Vom 12.12.1939 bis zur Schließung der Lauenburger Anstalt blieb sie dort, bevor sie am 07.02.1940 nach Ueckermünde verlegt wurde. Am 20.08.1942 folgte schließlich die Verlegung nach Obrawalde – dies war der letzte große Transport aus Ueckermünde, der vorwiegend Frauen betraf. Der Totenschein vom 05.05.1943 wurde von der berüchtigten Hilde Wernicke unterzeichnet. Ich hoffe, dass diese Erläuterungen etwas Licht in die psychiatrische Odyssee Ihrer Tante bringen.

Siehe im Übrigen zur Rolle der Anstalt in Meseritz von Hans Canjé: „Die Sterbebücher aus Meseritz„.

Zitat:

Die amtlich als »lebensunwert« oder als »asozial« abqualifizierten Menschen wurden, so sie den Transport überlebt hatten, noch auf dem Bahnhof selektiert. Für die nicht Arbeitsfähigen stand das Todesurteil fest, es wurde in einigen Fällen auch gleich auf dem Bahnhof vollstreckt. Emsige »Pflegerinnen« nahmen sich der Ankömmlinge an. Ihr Leben endete in der Regel innerhalb von drei Tagen durch die Verabreichung von Veronal oder durch Giftspritzen. Hier wurde fast individuell, in »Handarbeit« gemordet. Die ahnungslosen Kranken wurden von den »Schwestern« in speziell eingerichteten Sterbezimmer mit zwei Betten geführt. Hier erhielten sie das tödliche Getränk mit Veronal oder die Giftspritze. Einige Patienten wurden durch Luftinjektionen umgebracht oder erschossen. Allein zwischen Januar und September 1944 starben, so bekundete ein nur formal bestehendes hauseigenes Standesamt auf dem Totenschein, an »Herz- oder Altersschwäche« – 3.241 Patienten. Anfangs wurden sie zum Verbrennen ins Krematorium von Frankfurt/Oder transportiert, später auf dem Gelände in Massengräber verscharrt. Nur an Sonntagen wurde nicht »gearbeitet«. »Schwester« Rataczak gestand, auf diese Weise 2.500 Frauen getötet zu haben. »Das letzte Mal habe ich zwei Frauen am 28. Januar 1945 getötet und am nächsten Tag bin ich nicht mehr zur Arbeit gegangen, da die Rote Armee in unsere Stadt kam.“

Siehe auch „Quellen zur Geschichte der “Euthanasie”-Verbrechen 1939-1945 in deutschen und österreichischen Archiven.

Ab November 1941 entwickelte sich die modern und gut ausgestattete Krankenanstalt Obrawalde bei Meseritz zur »regelrechten Vernichtungsanstalt« (Ernst Klee). Nach den Worten das Historikers Peter Sandner wurde sie zur »Modellanstalt einer neuen systematischen Krankenmordaktion«, die als »Ersatz oder Fortsetzung der Gasmordaktion gelten« könne. Bis Ende 1941 waren im Zuge des mit dem Tarnbegriff »Euthanasie« (Gnadentod) bezeichneten Mordprogramms rund 70.000 kranke und behinderte Kinder, Frauen und Männer in den sechs zentralen Vernichtungsanstalten (Brandenburg, Pirna-Sonnenstein, Bernburg, Hadamar, Grafeneck, und Linz) »desinfiziert« d. h. vergast oder auf andere Art ermordet worden. Offiziell wurde die von der Berliner Zentrale gelenkte Aktion »T 4« im August 1941 beendet. In Wahrheit wurde »T 4« in den Konzentrationslagern und durch eine Verlagerung z. B. in Richtung Osten, in die okkupierten polnischen Gebiete, fortgesetzt. Patienten aus dortigen Pflegeanstalten wurden in die Gaue Wartheland und Danzig Westpreußen deportiert und von SS-Einsatzkommandos umgebracht. Bis Ende 1941 wurden so 4.000 Betten für zur »Ausmerze« vorgesehenen Kranke aus dem Reich »freigemacht«. 10.000 Menschen fielen dieser Aktion zum Opfer.