Autor: Rechtsanwalt Hartmut Riehn * ehemals Justitiar des Rektorats
Peter Fulde
Geboren am 6. April 1936 in Breslau; gestorben am 11. April 2024 in Dresden. 1968 Jahren wird Peter Fulde auf einen Lehrstuhl der Theoretischen Physik der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt berufen und wird sofort Direktor des Instituts für Theoretische Physik. Sein Kollege ist Walter Greiner.
Peter Fulde wird Opfer der Studentenbewegung
Peter Fulde hat das Pech, sein Amt in der Epoche der Frankfurter Studentenbewegung anzutreten und gerät zusammen mit seinem Kollegen Walter Greiner in Auseinandersetzungen mit seinem linksprogressiven und aggressiven wissenschaftlichen Assistenten Egon Becker sowie der sogenannten Basisgruppe Naturwissenschaften. Es kommt zu Vorlesungsstörungen. Er wird Opfer von perfiden Anschuldigungen, bis schließlich auf Veranlassung des Kultusministers Professor von Friedeburg Egon Becker das Institut verlässt und auf eine Stelle in der Abteilung für Erziehungswissenschaften wechselt.
1970 reicht Peter Fulde resigniert sein Entlassungsgesuch ein, da es ihm unter „den gegebenen Umständen, insbesondere unter dem neuen Hessischen Hochschulgesetz“ nicht möglich sei, „wissenschaftliche Arbeit auf dem von ihm angestrebten Niveau“ zu leisten. Er übernimmt nun (als befristeter Angestellter!) die Leitung der Theoriegruppe am Institut Laue-Langevin in Garching. Am 23. Oktober 1985 ereilt ihn eine kleine Wiedergutmachung der Universität Frankfurt: Er darf sich über die Ehrendoktorwürde der Hochschule freuen.
Der Konflikt zwischen dem wissenschaftlichen Assistenten Egon Becker und Peter Fulde sowie Walter Greiner im Detail
Im SS 1969 und WS 1969/70 gerät Peter Fulde zusammen mit seinem Kollegen Walter Greiner in den Strudel der Auseinandersetzungen mit den Studenten und dem dem wissenschaftlichen Assistenten Egon Becker, der sich progressiv mit der BASISGRUPPE NATURWISSENSCHAFTEN solidarisiert und vor allem gegen Leistungskontrollen polemisiert. Im Zentrum steht der Vorwurf, die Ordinarien verhielten sich wie Herrscher. Die Dokumentation des Rats der Nichthabilitierten, die mit ziemlicher Sicherheit höchstpersönlich von Becker formuliert worden ist, verdeutlicht, wie emotional und persönlich diffamierend die beiden Ordinarien verunglimpft werden. Sie kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden.
Die Autobiografie Peter Fuldes aus dem Jahr 2016
Über seine Erlebnisse in dieser für unerfreulichen Epoche berichtet Peter Fulde in seiner 2023 im NOVUM-Verlag erschienenen Autobiografie, Rückblicke auf eine Zeit der Umbrüche und Neuorientierungen.
Interview mit Peter Fulde 2016
Dieter Hoffmann und Ingo Peschel haben sich 2016 in einer kleinen Publikation, die im Internet abrufbar ist, liebevoll mit der Person von Peter Fulde befasst (Titel: Man möchte ja zu seinem Fach etwas beitragen Peter Fulde: Physiker, Organisator, Brückenbauer). Dort äußert er sich höchstpersönlich in einem Interview. Die Frage, wie sind Sie von den USA nach Frankfurt gekommen und in diese revolutionären Zeiten, beantwortet er wie folgt:
„Als ich in Frankfurt angefangen habe, war das eine besondere Situation: ich war nur unwesentlich älter als die Studenten. Ich habe damals gedacht: Oh, jetzt habe ich soundsoviele Dinge in den USA gelernt, die wollen wir jetzt auch in Frankfurt einführen. Zum Beispiel anonyme Beurteilungen von Vorlesungen, dass die Leute ruhig sagen können, was ihnen nicht gefallen hat, dieses und jenes. Ich habe aber gemerkt: Das hatte alles wenig Einfluss auf das, was an der Universität wirklich passierte, denn da standen ganz andere, politische Dinge im Mittelpunkt. Eigentlich war es das Ende eines gewissen Stils an der Universität. Wenn ich zu meinem Vorlesungssaal kam und ich sah schon eine Traube von Studenten vor der Tür – was auf trouble hinauslief –, dann bin ich, obwohl es mich sehr viel Überwindung gekostet hat, reingegangen und habe dagegengehalten – wie man so schön sagt. Und das hat natürlich große Spannungen erzeugt. Es war jedenfalls eine interessante Erfahrung, muss ich sagen, die ich in keiner Weise bereue.“
Was mir nicht gefallen hat bei der ganzen Studentenbewegung, das waren zwei Dinge: Einmal dieses gewisse Dogmatische. Der SDS5 damals in Frankfurt, das waren ja Gegner jeder Freude, kann man sagen. Universitätsfeste etc., das wurde alles abgeschafft. Es hatte so etwas Calvinistisches an sich, obwohl doch die Studentenzeit eine schöne Zeit sein soll. Oder wenn die jungen Leute dann kamen, bewusst barfuß, um ihre Doktor-Urkunde abzuholen. Denen hab ich dann gesagt: Das ist doch ein wichtiger Augenblick in eurem Leben, an den ihr euch zeitlebens erinnern werdet. Das war das eine. Das andere: Ich bin immer sehr dafür, dass Studenten lernen, indem sie sich an Erfahrenen, wie z. B. den Hochschullehrern, messen. Sie müssen also schon fordern und auch herausfordern. Aber das muss auf einem bestimmten Niveau geschehen. Und ich fand es total unter allem Niveau, als in Frankfurt das Büro des Rektors besetzt wurde und die erste revolutionäre Tat war, dem Rektor auf den Teppich zu pinkeln.
Dann wird er gefragt, warum er die Uni verlassen habe. Habe dies primär mit diesen Erfahrungen zu tun? Sein Antwort lautet:
„Ich würde mal so sagen: Das entsprach nicht meiner Vorstellung von einer Universität. Wohin ich kam, wenn ich irgendwo anders zum Kolloquiumsvortrag fuhr, gab es jedes Mal Zuhörer, die wollten gar nicht über Physik reden, sondern über die Drittelparität. Das ist alles schön und gut, aber nur für eine gewisse Zeit in Ordnung. Irgendwann möchte man auch wieder zurück zu seinem Fach. Vor allen Dingen, man möchte ja zu seinem eigenen Fach etwas beitragen. Aufgrund dieser ganzen Diskussionen mit ihrem enormen Zeitaufwand war die Lage so, dass ich gedacht habe: Nein, hier kommt man nicht weiter. Das bringt mich nicht dahin, wo ich wirklich hin will, nämlich in einer Atmosphäre arbeiten, in der wirklich neue Dinge geschaffen werden.“
Peter Fulde aus der Sicht Geminis (KI)
Der Autor der vorliegenden Homepage hat ergänzend Gemini (KI) gefragt, welche Erkenntnisse dort zur Frage vorliegen, welche Rolle Peter Fulde im Verlauf der Studentenbewegung eingenommen hat. Hier ist die komplexe Antwort!
„Peter Fulde, Gründungsdirektor des MPI für Physik komplexer Systeme und Honorarprofessor an der TU Dresden, verstarb am 11. April kurz nach seinem 88. Geburtstag zu Hause in Dresden. Er war ein großartiger Wissenschaftler, Visionär beim Aufbau von Institutionen, Mentor für Generationen von Nachwuchswissenschaftlern, und als verlässlicher, gradliniger und optimistischer Mensch allseits hochgeachtet und geschätzt. Sein Leben war geprägt von „Umbrüche[n] und Neuorientierungen“, so der Titel seiner Autobiografie. Als kleiner Junge musste er von Breslau mit Mutter, Bruder und Schwester nach Dresden fliehen, dessen Zerstörung er er- und überlebte. Er studierte Physik in Berlin, Göttingen, und Hamburg, wo er sein Studium bei Harry Lehmann abschloss. Er promovierte bei Richard Ferrell in Maryland, USA. Mit ihm sagte er 1964 den (nach ihnen und Larkin/Ovchinnikov benannten) FFLOZustand der Supraleitung in einem Magnetfeld vorher, in welchem sich Cooperpaare mit nichtverschwindendem Gesamtimpuls und dadurch räumlich moduliertem Ordnungsparameter bilden, weil die Fermiimpulse für die beiden Spinrichtungen unterschiedlich groß sind. Der Zustand wurde sowohl in der Festkörper- als auch der Physik kalter Atome experimentell nachgewiesen. Mit 32 Jahren erhielt Peter Fulde einen Lehrstuhl in Frankfurt, leitete dann in München die Theoriegruppe des neugegründeten Institute Laue-Langevin, und wurde schließlich Direktor am MPI für Festkörperforschung in Stuttgart. Mit seinen Mitarbeitern aus aller Welt widmete er sich vielen Themen, u.a. schweren Fermionen, Vielteilchenwellenfunktionen, Kristallfeldern und fraktionierten Elektronen. Die Wiedervereinigung Deutschlands eröffnete ihm die Aufgabe und Erfüllung seines beruflichen Lebens: das Angebot, ein MPI in den neuen Bundesländern zu gründen. Geplant war ein Institut mit einem großen Gästeprogramm auf dem Gebiet der nichtlinearen Dynamik. Diese Thematik erweiterte Peter Fulde mit dem Institutsnamen vorausschauend auf das Feld „Physik komplexer Systeme“. Legendär war seine Fähigkeit, Strukturen zu schaffen, die mit flachen Hierarchien und kurzen Entscheidungswegen faires und qualitätsorientiertes Handeln einfach und zwingend erscheinen lassen und es erlauben, flexibel die Bedürfnisse der Wissenschaft und der Wissenschaftler synergetisch zu verbinden. Als Beispiel sei das Gästeprogramm des MPI genannt, dessen Struktur von Anfang bis heute Garant für seinen Erfolg in einer sich stetig entwickelnden Wissenschaftslandschaft ist und inzwischen vielerorts ähnlich implementiert wird. Auch als Vorsitzender der chemisch-physikalisch-technischen Sektion der Max-Planck-Gesellschaft schuf Peter Fulde mit der Perspektivenkommission ein passgenaues Instrument, das den wachsenden Anforderungen an das Wissenschaftsmanagement gerecht wird und zugleich wichtige Entscheidungen in den Händen aktiver Wissenschaftler belässt. Die außergewöhnliche Gabe, neben wissenschaftlicher Exzellenz auch exzellente Rahmenbedingungen für internationale Spitzenforschung zu formen, brachte Peter Fulde viel Anerkennung. Er war Mitglied der Leopoldina, der sächsischen Akademie der Wissenschaften, und Träger des Sächsischen Verdienstordens, der höchsten Auszeichnung Sachsens, verliehen für seine Verdienste beim Aufbau des Wissenschaftsstandorts Dresden. Dresden auch in Zukunft als idealen Ort für hochkarätige Physik international zu verankern war ihm so wichtig, dass er aus privaten Mitteln den „Physik-Preis Dresden“ stiftete, der jährlich an eine Forscherpersönlichkeit mit Verbindungen zur Physik in Dresden vergeben wird. Eine weitere Stufe erreichte seine Wirksamkeit nach seiner Emeritierung, als die Präsidentschaft des Asian Pacific Center for Theoretical Physics in Korea sich als Sprungbrett erwies, das Institute for Basiccience (IBS) in Korea nach dem Vorbild der MPG aufzubauen. Peter Fulde war wichtiger Berater und hatte als Vorsitzender des Selection and Evaluation Committees maßgeblichen Einfluss auf die Berufung der Direktoren des IBS. Während der Pandemie war unser Institut in seiner Mission als Gästeinstitut eingeschränkt, da persönliche Begegnungen und internationale Reisen fast zum Erliegen kamen. Peter Fulde war in großer Sorge, ob die Lebendigkeit internationalen Austauschs mit der Vielfalt der Forschenden und ihrer Kreativität je zurückkommen würde. Glücklicherweise konnte er noch erleben, dass diese Dynamik wieder Einzug gehalten hat. Wir werden Peter ein ehrenvolles Andenken bewahren und alles daran setzen, das Institut in seinem Sinn in die Zukunft zu führen, als ein Ort sinnstiftender aber von unmittelbarem Zweck freier Forschung und Begegnung idealistischer Wissenschaftler aus aller Welt. Zusammen mit all seinen Weggefährten trauern wir um eine auf vielen Ebenen herausragende Persönlichkeit.
„Mit 32 Jahren wurde Peter Fulde 1968, dem Jahr der Studentenproteste, auf einen Lehrstuhl an der Universität Frankfurt berufen. Er sah die Notwendigkeit der Modernisierung der Ordinarienuniversität, zumal er in den USA die Vorzüge des dortigen Departmentsystems kennengelernt hatte, wo Professoren mit Assistenten und Doktoranden als gleichberechtigte Partner diskutierten. Gemeinsam mit seinem Kollegen Walter Greiner verkürzten sie das Physikstudium von zwölf auf zehn Semester und richteten unter anderem Tutorenprogramme ein. Das Sachliche interessierte aber die Ideologen unter den protestierenden Studenten nicht. Seine große Vorlesung mit etwa 250 Hörern wurde häufig gestört, um über die Drittelparität zu diskutieren. Ihm wurde auch vorgeworfen (in Umkehrung der Tatsachen), die Stelle eines befristet angestellten Assistenten aus politischen Gründen nicht verlängert zu haben. In Wahrheit hatte dieser Mitarbeiter fachlich nicht überzeugen können, war in hochschulpolitische Tätigkeiten ausgewichen und hatte sich kaum noch an der Forschung beteiligt. Er hatte es zum Vertreter aller Assistenten der Universität gebracht und dem damaligen Hessischen Kultusminister Unterstützung für dessen höchstumstrittenes neues Hochschulgesetz versprochen. Auch wurde er in der Öffentlichkeit bereits als künftiger Universitätspräsident vorgestellt. Fulde gelang es, eine Versammlung zu „drehen“, bei der ein Streikbeschluss gefasst werden sollte. Er erläuterte seine Vorstellungen von einer modernen Universität und fügte hinzu, „dass wir dafür allerdings Mitarbeiter bräuchten, die sich für die Wissenschaft engagieren würden und nicht allen wissenschaftlichen Veranstaltungen fernblieben.“ Für den Streik fand sich keine Mehrheit. Ende 1970 reichte er dann doch resigniert sein Entlassungsgesuch ein, da es ihm unter „den gegebenen Umständen, insbesondere unter dem neuen Hessischen Hochschulgesetz“ nicht möglich sei, „wissenschaftliche Arbeit auf dem von ihm angestrebten Niveau“ zu leisten. Er übernahm nun (als befristeter Angestellter!) die Leitung der Theoriegruppe am Institut Laue-Langevin in Garching. Tempi passati – 1985 konnte sich Peter Fulde über die Ehrendoktorwürde der Frankfurter Universität freuen.
Peter Fulde war ein überragender Wissenschaftler, dabei persönlich ein bescheidener integrer Mensch, der hohe wissenschaftliche Standards mit freundlichem Wesen verband. Für seine Doktoranden und Postdocs wurde er zum Vorbild. Sie beschreiben ihn als brillanten Physiker und warmherzigen Menschen. Eine seiner ehemaligen Doktorandinnen, M. Veronica GandugliaPirovano, schrieb mir: „I will always remember him as a great scientist, but most important as great ’Doktorvater’, and to me, a bit like a ’Vater’, as I used to tell him. Thanks to him, I got a PhD, a daughter and another on its way by the day of my graduation!“ Bei seinem Abschied als Direktor gab er seinen Nachfolgern den Rat, „bei anstehenden Entscheidungen dem Wohl und der Fortentwicklung der Mitarbeiter höchste Priorität einzuräumen“
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